
„Die Katze hat mich ausgewählt.“
Wer kennt ihn nicht – den berühmten Satz nach fünf Minuten Besuch:
„Das ist Schicksal! Die Katze hat mich ausgewählt!“
Der kleine Kater ist einmal über den Schoß gelaufen, hat kurz geschnurrt und schon steht fest: Das Universum hat gesprochen.
So romantisch diese Vorstellung auch ist – Katzen treffen ihre Entscheidungen meist deutlich weniger spirituell.
Katzen wählen nicht den zukünftigen Dosenöffner anhand seiner Aura, seines Sternzeichens oder seiner vergangenen Inkarnationen. Sie orientieren sich vielmehr an ganz einfachen Dingen:
- Wer sitzt am ruhigsten?
- Wer hat interessante Schnürsenkel?
- Wer riecht nach anderen Tieren?
- Wer bewegt sich am wenigsten?
- Wer hat gerade den einzigen freien Schoß im Raum?
Besonders Kitten sind von Natur aus neugierig und kontaktfreudig. Sie klettern auf Menschen, untersuchen Taschen, knabbern an Haaren und verteilen ihre Aufmerksamkeit oft sehr großzügig. Heute bist du die Liebe ihres Lebens – morgen ist es der Karton im Flur.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht: „Hat die Katze mich ausgewählt?“, sondern:
Passen Mensch und Katze langfristig zusammen?
Denn eine glückliche Katzen-Mensch-Beziehung entsteht nicht in fünf Minuten, sondern über viele gemeinsame Jahre. Charakter, Lebensumstände, vorhandene Tiere, Erwartungen und Bedürfnisse spielen dabei eine wesentlich größere Rolle als ein spontaner Besuch auf dem Schoß.
Und keine Sorge: Sollte ein Kitten beim Kennenlernen lieber unter dem Sofa sitzen, bedeutet das nicht, dass es dich nicht mag. Vielleicht ist es einfach müde, satt oder beschäftigt sich gedanklich mit wichtigen Dingen – zum Beispiel, wie man um 3 Uhr morgens möglichst laut durch die Wohnung galoppiert ;)))
Erstaunlicherweise gehen die Katzen meistens nicht zu der Person, die sich am meisten um sie bemüht.
Wer einer Katze direkt und dauerhaft in die Augen schaut, ihr hinterherläuft, sie ständig hochnehmen möchte oder ihr ununterbrochen Aufmerksamkeit schenkt, wirkt aus Katzensicht oft eher aufdringlich. Ein direkter Blickkontakt kann von Katzen als unangenehm oder sogar als potenzielle Bedrohung wahrgenommen werden.
Deshalb passiert bei Besuchen oft etwas sehr Interessantes: Während Person A mit Engelsgeduld versucht, das Kitten mit Spielzeug, Leckerlis und liebevollen Worten zu überzeugen, sitzt Person B entspannt in der Ecke, ignoriert die Katze weitgehend – und hat wenige Minuten später ein schnurrendes Fellknäuel auf dem Schoß.
Das ist keine höhere Fügung und auch kein Zeichen einer kosmischen Verbindung. Es ist schlicht und ergreifend Katzenpsychologie.
Katzen fühlen sich häufig von Menschen angezogen, die ruhig, vorhersehbar und wenig aufdringlich sind. Sie möchten selbst entscheiden, wann und wie sie Kontakt aufnehmen. Die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und die Situation in ihrem eigenen Tempo zu erkunden, gibt ihnen Sicherheit.
Die berühmte Aussage „Die Katze hat mich ausgewählt“ bedeutet daher oft nichts anderes als:
„Ich war die einzige Person im Raum, die sie fünf Minuten lang in Ruhe gelassen hat.“
Und ganz ehrlich: Das passt eigentlich auch wunderbar zum Wesen einer Katze. Sie erinnert uns jeden Tag daran, dass Zuneigung nicht erzwungen werden kann – und dass man sich Liebe manchmal verdienen muss.
Und ja – es tut mir fast leid, diesen Traum ein kleines bisschen zu zerstören, Das Kitten, das sofort voller Begeisterung auf dich zugelaufen ist, das tapferste, neugierigste und kontaktfreudigste der Gruppe ist.
Die Katze hat dich nicht ausgewählt, weil eure Seelen seit Jahrhunderten miteinander verbunden sind oder ihr in einem früheren Leben gemeinsam durch die Savanne gezogen seid.
Du wurdest gerade von der mutigsten Katze der Gruppe begrüßt.
Jeder Wurf hat sie – den kleinen Abenteurer, den Sozialminister und den Kandidaten, der sich vermutlich auch freiwillig in die Tasche des Paketboten setzen würde.
Diese Katzen und Kitten wählen nicht dich aus. Sie wählen einfach… jeden.
Das ist kein Zeichen kosmischer Bestimmung, sondern schlicht ihr Charakter.
Und die schüchterne Schwester?
Die sitzt währenddessen vielleicht hinter dem Kratzbaum und beobachtet das ganze Geschehen aus sicherer Entfernung. Sie braucht länger, um Vertrauen zu fassen. Vielleicht ist sie etwas delikater, etwas zurückhaltender und wartet erst einmal ab.
Doch genau diese Katze könnte Jahre später diejenige sein, die morgens nicht mit einem beherzten Sprung aus zwei Metern Höhe auf deinem Kopf landet, um dir mitzuteilen, dass ihr Napf seit exakt 43 Sekunden leer ist.
Vielleicht setzt sie sich stattdessen leise neben dich, streicht dir sanft mit ihrem Pfötchen übers Gesicht und wartet geduldig, bis du die Augen öffnest.
Aber sie hat dich beim ersten Besuch eben nicht ausgewählt. 😉
Und genau darin liegt die Ironie: Die Katze, die dich beim Kennenlernen vielleicht ignoriert hat, könnte am Ende diejenige sein, die die tiefste Bindung zu dir aufbaut.
Während der kleine Draufgänger inzwischen auch den Postboten, die Nachbarn und vermutlich den Schornsteinfeger in sein Herz geschlossen hat.
Katzen wählen uns nicht nach Sternzeichen, Auren oder gemeinsamen Erlebnissen aus vergangenen Leben aus. Sie bringen ihre ganz eigene Persönlichkeit mit – mal laut und unerschrocken, mal leise und vorsichtig.
Und manchmal sind es gerade die stillen Charaktere, die uns im Laufe der Jahre am meisten berühren.
So schön der Gedanke auch ist, von einer Katze „auserwählt“ worden zu sein: In Wahrheit beginnt die wichtigste Entscheidung oft erst lange nach dem ersten Kennenlernen – nämlich dann, wenn aus zwei Fremden : einer Katze und einem Menschen, Familie wird.
Und genau deshalb ist es so wichtig, nicht nur darauf zu achten, welches Kitten als Erstes auf uns zustürmt, sondern auch einen Blick auf die kleinen Beobachter im Hintergrund zu werfen. :)
„Die Katze mag mich nicht“
Versetzen wir uns für einen Moment in die Lage der Katze.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen gemütlich auf Ihrem Sofa, trinken Ihren ersten Kaffee des Tages und genießen die Ruhe. Plötzlich öffnet sich die Tür.
Drei völlig fremde Menschen betreten Ihr Wohnzimmer.
Sie setzen sich in einem Halbkreis vor Sie. Niemand sagt etwas. Alle starren Sie an.
„Ohhh, sie hat mich angeschaut!“
„Nein, mich! Das war eindeutig ein Zeichen!“
„Warum ist sie jetzt aufgestanden? Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Hans, ich glaube, sie mag uns nicht …“
Spätestens an diesem Punkt würden Sie vermutlich beginnen, Fluchtwege zu analysieren, die Stabilität der Zimmerpflanze zu überprüfen und sich zu fragen, ob man sich notfalls hinter einem Vorhang ein neues Leben aufbauen kann ;)
Genau so – nur ohne Kaffee und mit deutlich besseren Reflexen – erlebt eine Katze häufig den ersten Besuch.
Aus Katzensicht ist die Situation zunächst einmal hochgradig suspekt.
Da sitzen plötzlich fremde Zweibeiner im Wohnzimmer. Sie machen merkwürdige Geräusche, zeigen mit den Fingern auf einen und benehmen sich, als wäre man der Stargast einer eigenen Talkshow.
Die Katze denkt nicht:
„Oh wunderbar! Familie Müller ist da! Ich spüre eine tiefe seelische Verbindung. Vielleicht waren wir einst gemeinsam Löwen!“
Sie denkt vermutlich eher:
„Interessant. Der große Zweibeiner trägt Schnürsenkel – potenzielles Spielzeug. Die kleine Zweibeinerin quietscht bei jeder meiner Bewegungen – potenzielles Risiko. Der Mann in der Ecke hat bereits dreimal versucht, Blickkontakt aufzubauen. Ich werde ihn im Auge behalten.“
Während wir Menschen nach fünf Minuten entscheiden: „Sympathisch!“ oder „Eher schwierig“, befindet sich die Katze noch mitten in Phase 1 ihrer Risikoanalyse:
- Wer sind diese Menschen?
- Warum schauen sie mich alle an?
- Warum spricht die Frau mit hoher Stimme?
- Muss ich damit rechnen, hochgehoben zu werden?
- Und vor allem: Wo ist der nächstgelegene Fluchtweg?
Besonders irritierend ist dabei unser Verhalten. Menschen neigen dazu, Katzen direkt anzustarren. Aus menschlicher Sicht ist das freundlich. Aus Katzensicht ist es ungefähr so subtil wie ein Leuchtschild mit der Aufschrift:
„Hallo. Ich beobachte dich. Intensiv.“
Kein Wunder also, dass manche Katzen beschließen, spontan mit dem Kratzbaum zu verschmelzen oder hinter dem Sofa ein Zeugenschutzprogramm zu beginnen.
Und kaum ist die Katze verschwunden, fällt zuverlässig der Satz:
„Die Katze mag uns nicht.“
Was ungefähr so logisch ist wie zu behaupten:
„Der Mensch mag uns nicht. Er hat mir beim ersten Treffen weder seine Lebensgeschichte erzählt noch mir den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben.“
Die Wahrheit ist deutlich unspektakulärer: Katzen sind keine schlechten Gastgeber. Sie sind einfach vorsichtige kleine Wesen mit einem ausgeprägten Sinn für Selbstbestimmung.
Die vorsichtige Katze stürmt nicht beim ersten Kennenlernen auf Besucher zu.
Sie springt nicht sofort auf jeden Schoß, bei niemandem.
… ein paar Tage später könnte genau sie diejenige sein, die sich nachts an Ihre Beine kuschelt und Sie jeden Abend an der Tür begrüßt.
Nicht weil sie jeden Menschen liebt.
Sondern weil sie sich entschieden hat, Ihnen zu vertrauen.
Und unter Katzen ist das vermutlich das größte Kompliment, das man bekommen kann.